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Die gute Lage


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Sein Leben ändern zu wollen, gehörte zu Bertrams Lieblingsbeschäftigungen. So war er wohl auch zu dieser neuen Wohnung gekommen. Man hatte ihn beglückwünscht, so gut gelegen, so nah bei allem, was der Mensch brauche. Claudia hatte ihm beim Einzug geholfen, die nötigen Stellschrauben angezogen und anschließend auf dem Balkon mit ihm eine Feierabend-Pizza gegessen. „Wie praktisch! Sie ist so gut gelegen! Ich werde dich bestimmt oft besuchen!“ Bis er wirklich von sich behaupten konnte, dass er schon wohne, vergingen einige Wochen. Die üblichen Möbelhaus- und Handwerkerprobleme, die Bertram insgeheim genoss, schließlich wurde er immer wieder daran erinnert, wie sich die Wohnung entwickelte.
Nicht nur Claudia war begeistert, auch Frank wollte natürlich die neue Wohnung sehen und loben. Schon auf dem Supermarkt: „Und so gut gelegen! Der Supermarkt, der Bäcker, das Büdchen, der Italiener, das Kino und das Musikgeschäft.“ Da konnte Bertram nur zustimmen. Leider käme er noch nicht dazu, oft ins Kino zu gehen, Frank wisse ja, der Umzug. Sie setzten sich auf den Balkon - die anstrengende Fahrt von Hamburg - und ruhten sich aus. Er wisse genau, sein Portemonnaie würde unter einer solchen Wohngegend leiden - Pasta, Kino und Musik, was wolle man mehr? - so Frank. Da konnte Bertram auch nur zustimmen. Vielleicht ein Parkplatz, für die Gäste. Man trank Bier und erinnerte sich, trank weiter, erinnerte sich noch ein wenig und dann gingen sie schließlich ins Bett. Frank schlief auf dem Sofa, das Gästebett stand noch nicht, aber bald, da würden jede Menge Gäste kommen können, ab November solle das Gästezimmer fertig eingerichtet sein. Ein nettes Wiedersehenswochenende, man spazierte durch die Altstadt, schöne Altstadt und schon fuhr Frank wieder zurück, nach Hamburg.
Die Arbeitstage waren angenehme. Bertram arbeitete vorwiegend nachmittags, sein Betrieb brauchte ihn ‘projektbezogen’. Er genoss dass, schließlich konnte er so jeden Morgen noch einige Dinge erledigen. Zur Reinigung, zum Supermarkt. Noch schnell das Kinoprogramm holen. Er gewöhnte sich es an, jeden Donnerstag im Odeon vorbeizuschauen, das ausliegende Programm mitzunehmen und auf die Kommode zu legen, bevor er arbeiten ging. Leider schaffte er es noch nicht, abends tatsächlich ins Kino zu gehen, noch waren Gästezimmer und Küche nicht vollständig eingerichtet. Außerdem ließen die Wohnzimmervorhänge weiterhin auf sich warten. Bertram störte das nicht, er wollte schließlich alles wirklich schön und geschmackvoll eingerichtet sehen. Claudia sah die Fortschritte und lobte die Wohnung, es sähe ja schon alles sehr gut aus, und wenn es fertig wäre, dann ließe es sich wohl recht gemütlich leben. Sie trafen sich häufiger, meist bei ihr. Sie aßen Pizza, unterhielten sich über die neue Stadt und sie legte Musik auf. Bertram glaubte, sich zufrieden fühlen zu können, dass er umgezogen war.
Irgendwann kannte er die Frau vom Büdchen, eine Nürnbergerin, die immer einen Spruch auf den Lippen hatte, und fand sich schon gut im Supermarkt zurecht. Leider kaufte er oftmals samstagmittags ein, obwohl er wusste, dass es die Stoßzeit war, in der all die anderen Erwerbstätigen für die ganze Woche einkaufen müssten. So manchen Samstagnachmittag nahm er sich vor, seine flexiblen Arbeitszeiten doch endlich auszunutzen. Am Montagmorgen zum Beispiel, da müsse es doch leer sein im Supermarkt. Am kommenden Montag verzichtete er darauf, einzukaufen, seine Vorräte reichten noch bis Mittwoch. Darüber hinaus vermutete er, es könne am Montag voller sein als am Mittwoch, schließlich wären meist am Sonntagabend die Kühlschränke der Familienhaushalte leer. Am Mittwoch hatte er nun leider verschlafen und musste sich sehr beeilen, um rechtzeitig in sein Büro zu kommen, eine wichtige Besprechung mit dem Chef. Donnerstagmorgen kam er auf dem Weg vom Bäcker am Odeon vorbei, nahm sich wie immer ein Programm mit und las sich fest. Schon wieder fand er nicht die Zeit, frühmorgens einzukaufen, aber irgendwann würde es schon klappen.
Claudia kannte das Problem, „was man sich immer vornimmt!“, aber eines Dienstagmorgens sah er sich tatsächlich um halb zehn Uhr morgens im Supermarkt. Er war pünktlich aufgestanden, die Gunst der Stunde genutzt und war mit dem bereits vorgeschriebenen Einkaufszettel losgegangen. Sein Leben machte Fortschritte! Nun würde es auch nicht mehr lange dauern, und er würde bald ins Kino gehen, „wir sollten doch mal“ hatte schon Claudia gesagt. Seine Vorsätze gingen noch weiter. Ins Odeon ging er nun jeden Donnerstagmorgen und holte das Programm, aber ins Musikgeschäft hatte er sich noch nicht gewagt. Dabei hatte er es eigentlich nötig, denn eigentlich alle CDs, die er in seiner alten Wohnung gehört hatte, hatte Annette mitgenommen. Sie hatte sich immer um Musik und Kultur gekümmert, er hatte dafür gespült, gebügelt und gewischt. Hausarbeit konnte er gut leiden, er wunderte sich selbst immer. Es beruhigte ihn irgendwie. Oftmals setzte er sich dann hin und bewunderte den frisch eingeräumten Gläserschrank, den frisch gebügelten Stapel Hemden, den frischen Boden. So wollte er die Wohnung haben. Leider war sie immer noch nicht fertig, die Rollos waren geliefert, er konnte sie aber nicht anbringen, weil ein Aufsatz fehlte. Und der Küchenschrank musste auch noch aufgebaut werden. Leider hatte er einiges im Betrieb zu tun und kam einfach nicht dazu.
Hin und wieder rief Frank noch an, mal fuhr er nach Hamburg, bald würde Frank ihn wieder besuchen. Bertram freute sich, dass er seine alte Freundschaft noch so am Leben erhalten konnte. Doch er sorgte sich schon ein wenig vor dem Besuch. Er müsste es doch wenigstens einmal schaffen, in das Musikgeschäft zu gehen. Wenn Frank wiederkäme, wäre ein bisschen Musik doch nicht schlecht. Aber natürlich bräuchte er dafür Ruhe, müsste sich Zeit mitbringen, wenn er ins Musikgeschäft ginge. Am besten auch vormittags, da wäre es nicht so voll und es gibt kein Gedränge. In Wirklichkeit hoffte Bertram vor allem, dass ihn so niemand beobachten könnte. Denn er hatte schließlich noch nie Musik gekauft und wusste gar nicht, wo er schauen sollte. Natürlich hatte er schon einiges im Auge, was ihm gefallen könnte, aber er kannte sich nicht so aus und mochte es nicht, wenn man erkannte, dass er sich nicht auskannte. Am Dienstagmorgen sollte es so sein, es stand in seinem Terminkalender, dass er sich auch nicht daran vorbeimogeln konnte.
Der Stress in seiner Firma war etwas weniger geworden, er konnte sich wohl ein Stündchen Zeit nehmen. Er wusste, er wäre am Dienstag um neun Uhr mit dem Frühstück fertig und musste erst um halb elf losfahren. Es wurde Dienstag. Er holte Brötchen und die Zeitung, las und frühstückte auf seinem Balkon und auf einmal war es viertel nach neun. Es gab noch zwei interessante Berichte, die vielleicht wichtig für seine Arbeit sein könnten, die wollte er noch kurz lesen. Schließlich faltete er die Zeitung zusammen und legte sie auf die Kommode. Dann putzte er sich die Zähne, das war ihm schon wichtig, dass man die Zähne nach dem Frühstück putzte. Er wollte schon aus dem Haus gehen, da dachte er an seinen Teller und die Tasse. Es war kurz nach halb zehn, immer noch genug Zeit und so brachte er Teller und Tasse in die Küche, ließ Wasser in die Spüle, spülte beides ab. Dann öffnete er den Schrank und räumte beides ein. Leider stand alles so ungünstig, dass kein Platz mehr für die letzte Tasse war. Er stellt sein Geschirr ein bisschen um und schon passte alles wieder. Er machte den Schrank wieder zu und ging jetzt mit schnellen Schritten zur Tür hinaus, denn er wollte doch etwas Ruhe beim Einkauf haben. Schließlich wollte er, dass seine Musik besonders schön war. Im Treppenhaus unten angekommen, fiel ihm auf, dass er den Brief vergessen hatte, den er einwerfen wollte. Und den Zettel mit dem Tipp von Frank. Es machte ja schließlich überhaupt keinen Sinn, in das Musikgeschäft zu gehen, wenn er den Zettel mit dem Tipp nicht mitnehmen würde. Wieder in der Wohnung, fand er den Zettel nach ein paar Minuten auf der Kommode, unter dem Kinoprogramm, schon zur Mitnahme bereitgelegt. Bertrams Blick fiel auf das Fenster, das noch offen stand, er schloss es, denn seine Hausratversicherung würde nicht zahlen, wenn er so grob fahrlässig mit seiner neuen Wohnung umging. Es war schon fünf nach elf zehn, sodass er meinte, jetzt lohne es sich eigentlich nicht mehr, denn er bräuchte Ruhe im Geschäft, um auswählen zu können. Schließlich hatte er keine Übung. So ging er schon einige Minuten zu früh in die Firma, ein wenig missmutig.
Am Wochenende feierte Claudia ihren Geburtstag und Bertram erntete erstaunte und beneidende Blicke, als er von seiner Wohnung erzählte. So praktisch gelegen, und so nahe am Odeon und am Musikgeschäft. Er ginge doch bestimmt häufig ins Kino. Nein, „irgendwie kommt man ja doch nicht dazu“. Er beneidete Claudia dafür, dass ihre Küche so gemütlich war, sein Küchentisch stände immer noch nicht und die neue Spülmaschine würde erst in zwei Wochen geliefert. Der Abend wurde noch sehr nett. Er nahm sich am Sonntag vor, nun aber bald wirklich ins Musikgeschäft zu gehen, so schwer könne das doch nicht sein. Freitags hatte er nun häufig frei und nichts läge näher, als ein paar CDs zu kaufen und es sich dann nachmittags mit ein bisschen Musik gemütlich zu machen.
„Lebensqualität,“ so unterhielten sie sich in der Kantine seiner Firma, „Lebensqualität sei ja auch wichtig, um ausgeglichen zu werden.“ Bertram blieb oft etwas länger in der Firma als nötig, denn er merkte, dass er gar nicht so gerne zurück in seine Wohnung kam. Es regte ihn auf, dass die Küche immer noch nicht fertig war. Er hatte den Aufsatz für die Rollos endlich bekommen, aber nicht nur, dass es ihm schwerfiel, ihn anzubringen, nun musste er noch neue Leuchten für die Halogenanlage finden, die bereits nach drei Monaten nicht mehr funktionierte. Nicht nur, dass sich auf seiner Kommode die Kinoprogramme stapelten, sondern er legte oft die Kostenvoranschläge der Handwerker und die Prospekte der Möbelfirmen hinzu, dass er sie gleich fand, wenn er sie brauchte. Eines Abends rief Bertram noch von der Firma aus Claudia an und lud sie ins Kino ein, leider konnte sie am Dienstag nicht und er am Mittwoch nicht, und am Donnerstag gäbe es ein neues Programm. Aber sie würden es auf jeden Fall noch nachholen. Er kam zurück nach Hause und ärgerte sich, dass es nicht geklappt hatte. Er konnte sogar schlecht einschlafen, so ärgerte er sich.
Ein paar Tage später wurde es ihm bewusst, dass er am kommenden Freitag nun endlich ins Musikgeschäft gehen sollte. Er suchte mittwochmorgens alle seinen kleinen Notizzettel mit Tipps zusammen und legte sie auf die Kommode, neben den Stapel mit den Unterlagen zur Wohnung, der schon wieder etwas höher geworden war - denn nun wollte sich Bertram endlich daran machen, einen vernünftigen Badezimmerschrank zu kaufen, denn das Bad, das hatte er schon viel zu lange vernachlässigt. Am Freitag schlief er erst aus, er hatte endlich frei, dass musste er doch ausnutzen. Es war erst halb neun Uhr, das Geschäft würde erst in einer halben Stunde öffnen, also hatte er noch Zeit. Er las die Zeitung etwas gründlicher, denn man übersah ja soviel Interessantes, wenn man sie nur oberflächlich durchblätterte. Um kurz nach zehn begann er, die Küche zu putzen und er fand nun endlich Zeit, den Küchenschrank aufzubauen. Wie schön wäre es, in das Musikgeschäft zu gehen und zu wissen, ihn erwarte eine aufgeräumte Wohnung mit einem aufgebauten Küchenschrank. Dann machte er sich noch kurz etwas zu essen, denn er wollte nicht sofort wieder aus dem Musikgeschäft herausgehen müssen, um etwas zu essen, er wollte sich schon Zeit nehmen. Als er schließlich im Musikgeschäft ankam, war es schon voll. Hatte er vergessen, wie viele Leute schon Freitag mittags mit ihrer Arbeit fertig waren und die Zeit nutzen, indem sie CDs einkauften? Er wusste, es würde auch Samstag wieder so voll sein und es sollte doch gemütlich sein, wenn er einkaufen ginge, er wollte doch keinen Stress haben.
Er ärgerte sich den ganzen Freitag und er ärgerte sich den ganzen Samstag. Sonntag beruhigte er sich und nahm sich vor, am 23. endlich nach Musik zu schauen. Davor führe er erst übers Wochenende nach Hamburg und in der Woche darauf hatten sich die Klempner für das Bad angekündigt. Bertram wollte endlich seinen persönlichen Erfolg erzielen und sehnte sich nach dem 23. Er begann die Tage zu zählen, denn es war vielleicht der letzte Termin, bald würde er freitags wieder arbeiten müssen. Und es fehlte ihm doch so, das bisschen Lebensqualität, um abends endlich mal entspannen zu können. Leider schafften Claudia und er es wieder nicht ins Kino. In der Woche nach seinem Hamburgbesuch - er hatte sich Franks Musiktipps alle notiert - freute er sich auf die Handwerker. Doch am Freitagmorgen um viertel nach elf wurde ihm abgesagt, ein Wasserrohrbruch sei dazwischen gekommen. Hals über Kopf fuhr er wieder nach Hamburg, er konnte sein halb renoviertes Bad, seine nicht aufgehängten Vorhänge und die nicht angeschlossene Spülmaschine nicht mehr sehen.
Der 23te kam, doch Bertram beschloss, nicht einzukaufen. Er hatte sich versetzen lassen, in eine neue Stadt. Er hielte es nicht mehr aus, vielleicht würden ihm neue Leute, eine neue Umgebung guttun. Frankfurt wollte er immer schon sehen. Eine neue Wohnung einrichten, richtig gemütlich. Und schön gelegen.

Von Nils am 6.5.2004