Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/v104469/wp-includes/functions.php on line 334
Fu ruft au » Dach

Dach


Deprecated: preg_replace(): The /e modifier is deprecated, use preg_replace_callback instead in /www/htdocs/v104469/wp-includes/functions-formatting.php on line 76

Das Lastwagendonnern von der nahen Autobahnbrücke verdeckt die kleinen Geräusche nicht, so wenig wie die Brandung am Meer Flüstern übertönt. Das Feuerzeug knirscht, die Wolken ziehen unbeeindruckt weiter über die Berge, die die Stadt wie einen Tellerrand umgeben, so schnell, dass man den Wind ahnt, der über den Teller weht und von dem unten in der Wärme leider nichts zu spüren ist. Ein Ventilatorausgang klappert melancholisch vor sich hin.
Sie hört sich auch ausatmen, sie blinzelt durch den Rauch den Wolken hinterher, die schon über die Stadt gestrichen sind, und schließt die Augen.
Der offene Kühlwassertank gluckert.
Deutlich hört sie über den Lastwagengeräuschen die Kiesel knirschen. Nur einmal hat sie bisher hier oben auf dem Dach einen Hausmeister getroffen, wenn jetzt einer kommt, wird er sich wegen ihrer Raucherei aufregen und sie wird zwei Tage lang in den Mittagspausen nicht aufs Dach steigen, sondern in die Kantine gehen. Das Knirschen hört auf.

Als sie die Augen öffnet, ist kein Hausmeister zu sehen. Nur ein Junge steht auf der freien Fläche zwischen den Wassertanks und den Schornsteinen, ein Junge mit den herausgewachsenen Resten einer Frisur, hellbraune Haare fallen ihm in die Stirn und wie einem Fußballer als Matte in den Nacken. Seine gelblichblaue weite Jeans scheint fleckig, er steht auf Turnschuhen, deren Sohlen sich lösen. Er beobachtet den Plattenweg, der von der Feuerleiter zum Wassertank führt, ohne sich von der Stelle zu rühren, dabei weitet er die Nasenflügel und zieht die Luft schnuppernd ein. Langsam dreht er den Kopf in die Richtung, Aus der der Zigarettenrauch auf ihn zuzieht, bis er sie entdeckt, die immer noch an die Mauer zum Innenhof gelehnt sitzt. Sie schauen sich ins Gesicht, für einen langen Moment, in dem er seine Nase entspannt und zweimal mit den grauen Augen blinzelt. Dann zischt er hinter einen Schornstein, sie runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf, denn sie sieht nun wirklich nicht wie ein Hausmeister aus, der ihm das Herumspringen auf dem Dach verbieten würde.
Trotzdem ist ihr ihr geheimer Platz verdorben, sie klettert direkt nach der Zigarette wieder die Feuerleiter herunter.

Erst am nächsten Mittag klettert sie die Leiter wieder herauf, diesmal mit einem Becher Kaffee aus dem Automaten in der Hand, und setzt sich an ihre immergleiche Stelle. Mit dem Rücken lehnt sie an die Mauer, die den Innenhof umgibt, sie schaut auf den Himmel über der Südhälfte der Stadt, wenn sie steht, kann sie die weit entfernten Häuser über der Mauer sehen und die Berge, die die Stadt umgeben. Hier trinkt sie langsam ihren Kaffee und beobachtet die Wolken. Heute sind es weniger als gestern, es ist etwas wärmer, weniger feucht, in einigen Wochen wird sie mittags nicht mehr auf das Dach steigen können, weil es zu heiß sein wird, um länger als fünf Minuten dort auszuhalten. Als sie ihre Zigaretten aus der Hosentasche befreit hat und sich langstreckt, um nach dem Feuerzeug zu graben, sieht sie ihn wieder neben den Schornsteinen stehen. Heute schaut er ihr länger direkt ins Gesicht. Zwei schmutzige Streifen ziehen sich über seine linke Wange, in seinen Augenwinkeln hängt Schlaf, als wäre er gerade aufgestanden. Er blinzelt sie an, ohne sich zu bewegen. Sie zieht fragend die Augenbrauen hoch und hält ihm die geöffnete Zigarettenschachtel entgegen, er bleibt stumm und blinzelt, dann schüttelt er den Kopf und zieht sich wieder langsam hinter die Schornsteine zurück, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Unten kann sie sich nicht konzentrieren. Nichts gelingt, und anstatt heimzugehen, versucht sie es wieder und wieder, bis sie als letzte im Labor bleibt und sich in einer langen Wartezeit wiederfindet.
Um halb neun klettert sie noch einmal hinauf, um eine letzte zu rauchen, bevor sie die letzten Geräte ausschalten und nach hause fahren wird. Die Sonne ist gerade untergegangen, der Himmel rechts von ihrem platz ist leuchtend rosa mit gelben Streifen. Von der Autobahnbrücke weht seltener das Dröhnen der Lastwagen herüber, nur einzelne Autos sind zu hören, die mit quietschenden Reifen in eine aufregende Nacht rasen. Auch das Klappern der Ventilatoren ist beinahe ganz verstummt. Als sie von ihrer glimmenden Zigarettenspitze aufschaut, sieht sie den Jungen, wie er sich vor dem jetzt knallroten Abendhimmel über die Kühlwasserbehälter beugt und mit beiden Händen Wasser daraus schöpft, immer wieder, und alles trinkt, was ihm nicht zwischen den Fingern wieder ins Becken und auf sein graues Hemd läuft.
Sie raucht weiter, während sie ihn beobachtet. Es wäre zu auffällig, die regelmäßige langsame Bewegung plötzlich abzubrechen, die er nur als wechselnden Schatten sehen kann, denkt sie, sie beobachtet ihn, wie er immer und immer wieder seinen Kopf nach vorne schiebt, um das aus den Händen fallende Wasser einzufangen, raucht weiter, um die Bewegung im Schatten nicht zu unterbrechen, und ihn weiter trinken zu sehen. Erst als der Filter anbrennt, muss sie husten.
Er bleibt unbeweglich über den Wassertank gebeugt stehen, steht gegen den Abendhimmel wie ein Teil der Geräte auf dem Dach.
Mühsam gelingt es ihr, ihren Husten zu unterdrücken. Er schaut in ihre Richtung, neigt den Kopf ein wenig, als ob er im Abendlicht nur genauer hinschauen müsste, um sie zu erkennen. Als das nicht zu helfen scheint, richtet er sich auf. Er pfeift kurz und fragend, sie antwortet mit einem Bestätigungspfiff. Langsam kommt er hinter dem Wassertank hervor und geht über den knirschenden Kies auf ihren Sitzplatz zu, nicht mehr geduckt und nicht mehr lauernd, die Vorsicht scheint vergessen zu sein, er geht und knirscht, bis er direkt vor ihr steht, in seinen kaputten Turnschuhen und dem T-Shirt, das noch nass ist vom verschütteten Kühlwasser.
„Na?“ fragt sie und lehnt den Kopf in den Nacken, um ihn ins Gesicht sehen zu können. „Hey“, sagt er, und lächelt sie kurz schief an.
Langsam lässt er seine Beine einknicken, bis er neben ihr sitzt und an der Innenhofmauer lehnt. Hinter der Stadt ist der Himmel dunkelrot geworden, in ihrem Rücken schon tiefblau. Sie holt eine Zigarette aus ihrer Schachtel und reicht sie ihm, er streckt ihr den Handrücken mit etwas abgespreiztem Zeigefinger entgegen. Zwischen den Fingern sieht sie im letzten Dämmerlicht violette Schatten. Seine Fingernägel sind lang und schwarz vor Dreck. Ohne hinzusehen nimmt er die Zigarette an, steckt sie in den Mund und wendet ihr sein Gesicht zu, so dass sie sie anzünden kann, dabei sind seine Augen auf den Schornstein gerichtet. Das Feuerzeug flackert für einen Moment über die zu deutlichen Wangenknochen, über den erstaunlich klar geschwungenen Mund, über das Kinn, auf dem noch das Wasser aus dem Tank glänzt. „Du bist wohl immer hier oben, hm?“ fragt sie, während sie ihm die Zigarette anzündet. Er nimmt einen tiefen Zug und sagt „Schon.“ Eine Weile sagen beide nichts, während es dunkler wird.
„Und wann gehst du mal runter?“ fragt sie schließlich. „Nie.“ sagt er. „Ich bin immer hier.“ „Wird das nicht langweilig?“ fragt sie, sie lehnt sich wieder an die Mauer und streckt die Beine aus. „Sehr.“ sagt er.
„Warum bleibst du also hier?“ fragt sie ihn. „Unten ist mir zu gefährlich.“ sagt er und zieht die Knie in den Schneidersitz, er nimmt tiefere Züge, man kann zusehen, wie die Zigarette in ihn verschwindet.
„Und du? Arbeitest du hier?“ fragt er sie, wieder, ohne sie anzusehen. Sie nickt. „Direkt hier drunter oder gegenüber?“ „Hier drunter.“ „Machst du Algen oder Mäuse?“ „Algen.“ „Und was machst du hier oben?“ „Rauchen. Oder nachdenken. Ich brauch da frische Luft für und meine Ruhe.“
Er drückt den angebrannten Filter an die Mauer hinter seinem Rücken und streckt selbst die Beine aus. „Seit wann bist du hier oben?“ fragt sie, müde blinzelnd, seit Wochen hat sie sich nicht so müde gefühlt. „Ne ganze Weile. Seit es aufgehört hat zu regnen.“ „Was machst du denn den ganzen Tag, nur auf dem Dach?“ „Nichts. Ich versteck mich vor den Hausmeistern, damit sie mich nicht runterscheuchen.“ „Wieso willst du nicht nach unten?“
Er ruckt die Schultern in dem dreckigen Hemd zurecht und greift ohne hinzusehen nach der Zigarettenschachtel, die sie zwischen ihnen liegengelassen hat, darin findet er das Feuerzeug und ihre vorletzte Zigarette, die er ohne zu fragen anzündet und langsamer raucht als die erste.

Zwei Tage hält sie es aus, ohne aufs Dach zu gehen; am dritten Tag nach dem Treffen steigt sie erst recht hinauf und setzt sich an ihre Lieblingsstelle. Nach fünf Minuten kommt er hinter einem Schornstein hervor und setzt sich neben sie.

Der Wind geht wärmer als noch letzte Woche. Er zieht die Wolken direkt über der Stadt zu dünnen Spinnweben auseinander, mehrere Schichten höher sind nur einzelne kleine Zuckerwattewölkchen zu sehen, weißer noch als das Sonnenlicht selbst.
Zwischen den Wegplatten laufen schwarzglänzende Ameisen, keine von ihnen scheint etwas nach hause zu tragen. Am nächsten Tag ist die Straße um eine Gehwegplatte gewandert, am nächsten Morgen in ihrer Vormittagspause ist die Straße verschwunden.

„Hier, den Apfel gab es heute als Nachtisch.“ sagt sie und reicht ihn zu ihm herüber. Er lässt ihre Zigarettenpackung fallen, die er gerade erst mühsam aus ihrer Jackentasche gefingert hat. Wie wenig er hier oben tatsächlich zu essen findet, begreift sie erst, als sie ihm zum dritten oder vierten mal etwas mitbringt und er immer gleich gierig alles aufisst, was sie ihm anbietet.
Von jetzt an geht sie jeden Tag mindestens einmal hinauf, und wenn sie ihn einmal nicht trifft, ist sie enttäuscht. Meistens wartet er jedoch am Nachmittag, wenn die Hausmeister schon Feierabend haben, an ihrem Treffpunkt und stapelt Kiesel zu kleinen Türmen übereinander.

„Was machst du hier oben mit Geld?“ fragt sie erstaunt, als er ihr seine Münzsammlung auf einer Gehwegplatte ausbreitet. „Und wo bekommst du es her?“ – „Leute lassen manchmal Wechselgeld unten auf den Schreibtischen liegen. Oder verlieren es. Früher bin ich manchmal runtergeklettert, ins oberste Stockwerk, und habe nachts etwas gefunden.“ „Bist du nie erwischt worden?“ „Am Anfang nicht, und wenn jemand vorbeikam, waren sie zu müde, um sich etwas dabei zu denken. Ich hab mir Kakao am Automaten geholt damit oder Kaffee.“ „Und jetzt?“ „Die Leute sind misstrauisch geworden, vielleicht, weil so viel Wechselgeld verschwunden ist. Und ich geh nicht mehr runter, auch nicht mehr nachts.“ „Wofür hebst du das Geld dann auf?“ „Wie soll ich es hier oben denn loswerden?“

Die Nächte werden wärmer, vor den Fenstern der Wohnung schreien die Teenager lauter und länger als noch vor ein paar Wochen, und die Müllmänner singen beim Ausleeren der großen Container. Obwohl sie weniger schlafen kann, kommt sie früh zur Arbeit und entwickelt einen regelmäßigen Rhythmus, so dass die Kollegen sich an ihre Pausen auf dem Dach gewöhnen, sich daran gewöhnen, sie um fünf uhr Nachmittags nicht zu finden; irgendwann gewöhnen sie sich sogar ab, sich um fünf Uhr an sie zu erinnern.

„Kennst du Karlson?“ fragt sie ihn einmal. „Den Hausmeister?“ fragt er, „Nein, ein Kinderbuch. Über jemanden, der auf einem Dach lebt.“ sagt sie, er kennt es aber nicht und scheint sich auch nicht für Geschichten über andere Dachbewohner zu interessieren - wahrscheinlich hat er garnicht das Gefühl, hier auf dem Dach zu leben, sowenig wie jemand, der einen Bus verpasst hat und nun eine halbe Stunde in einem Wartehäuschen sitzt, glaubt, er lebe in dem Häuschen.

Seit mehreren Tagen gibt es keine Spinnwebenwolken mehr. Weit oben treiben dicke weiße Klumpen über die Stadt, beinahe zu hoch, um einen Schatten zu werfen, zu langsam, um etwas mit der Luft hier unten zu tun zu haben. Es wird heißer, der Himmel wird jeden Tag blauer und härter. Noch kann sie in der Sonne einschlafen, am Nachmittag, wenn die ersten Kollegen gegangen sind und das Mittagessen schon ein Weilchen her ist, für eine Viertelstunde, bevor sie wieder hinuntermuss, gerade so lang, dass kleine Abdrücke von den Kieseln, auf denen sie zu liegen kam, auf ihrer Wange bleiben.
Irgendwann hat sie zum ersten mal Abdrücke von den Falten seines T-Shirts auf der Wange, er wacht nicht auf, als sie vorsichtig aufsteht und die Leiter wieder herunterklettert, um weiterzuarbeiten, aber die Gewohnheit, demjenigen, der noch liegenbleibt, einen kleinen Stein auf den Bauch zu legen, rührt von diesem ersten nicht eingestandenen gemeinsamen Schlaf her und wird beibehalten bis zum Ende.

Morgens kommt sie neuerdings als erste ins Labor. „Ehrgeizig geworden, hm?“ fragen die Kollegen, die freundlicheren schütteln besorgt den Kopf über ihre Blässe und darüber, dass sie dünner wird und immer mehr raucht, am Tag verschwinden zwei Päckchen. Zum Rauchen klettert sie einmal am Vormittag und einmal am Nachmittag auf das Dach. Seit sie so früh kommt, geht sie öfter mit den anderen in die Kantine, um nicht aufzufallen durch zu große Kauzigkeit.
Abends bleibt sie im Labor, bis die letzten gehen, dann arbeitet sie noch eine dreiviertel Stunde weiter, um nicht überrascht zu werden. Wenn sie alle Türen abgeschlossen hat, klettert sie weit hinten im Flur auf den Feuerbalkon, wo die Tür immer angelehnt steht, und steigt die Leiter auf das Dach im Dämmerlicht oder schon im Dunkeln hinauf.

Auf der Brücke fahren keine Lastwagen mehr, manchmal hört man ein rasendes Auto jaulen. Nur die hellsten Sterne sind zu erkennen, die orangen Straßenlaternen ersticken vieles, was man im Himmel sehen könnte. Flugzeuge auf dem Weg zum kleinen blauen Flughafen der Stadt oder nach Norden sind als blinkende Punkte zu erkennen.
Sie pfeift erst, wenn sie sich etwas vom Rand des Gebäudes entfernt hat, falls jemand auf der Straße es hören könnte oder sich die Korridortür durch die Zugluft geöffnet haben sollte.
Sie findet ihn an einen Schornstein gelehnt sitzend, sie erkennt ihn im Dunkeln nur an der rot glühenden Zigarettenspitze.

Er weigert sich beharrlich, zu verraten, vor wem er sich hier oben versteckt hält, wenn sie danach fragt, schweigt er einfach und raucht schneller, irgendwann gibt sie es auf. Von seinem Leben unten, bevor er auf das Dach gestiegen ist, hört sie wenig, Geschichten ohne jeden Zusammenhang, wie jeder sie erzählen könnte; dass er sich als kleiner Junge im Wald verlaufen hat, verrät ihr nichts über seine Herkunft, schon über die Art der Bäume schweigt er sich aus.
Meistens reden sie also über die Ameisen auf den Wegen, über die drei Sterne, die man trotz der Straßenbeleuchtung sehen kann, selten erzählt sie auch von ihrer Arbeit unten, die noch einen Monat oder vielleicht zwei dauern wird, bevor sie wieder nach Hause zurückfahren wird; wo genau zuhause ist, erzählt sie nicht.
Wenn er erzählt, ist nie ganz klar, ob er seine Geschichte selbst erlebt hat, in einem Buch gelesen oder geträumt, oft mischen sich mehrer Geschichten, die Sprünge sind nicht leicht zu erraten, manchmal stellt sie Fragen, später, als sie merkt, wie aussichtslos es ist, rät sie, „Wahr.“ sagt sie, mitten in seinen Satz hinein, oder „Geträumt.“, wenn sie richtig geraten hat, verstummt er für einen Augenblick und grinst sie an, als hätte er sie bei einem Spiel gewinnen lassen.
In der letzten Stunde sprechen sie weniger, sitzen nur nebeneinander, ohne in eine spezielle Richtung zu schauen. Um halb zwölf klettert sie vom Dach und nimmt den letzten Bus in die Stadt, manchmal, wenn sie ihn verpasst, macht sie den langen Spaziergang bis aufs andere Flussufer hinüber. Zuhause fällt sie sofort todmüde ins Bett, schläft wie ein Stein, ganz ohne Träume, doch schon nach fünf Stunden wacht sie wieder auf und ertappt sich schon beim Zähneputzen dabei, wie sie lächelt.

Er knabbert die oberste Hautschicht neben den Fingernägeln der linken Hand an und zieht sie mit den Zähnen in dünnen Streifen einmal quer über die Kuppe, so dass seine Fingerspitzen an einer Hand immer rosig sind, manchmal blutet die Seite der Finger. Wenn sie das Klackern seiner Zähne hört, öffnet sie die Augen und haut ihm auf die Hand, dann wirft er ihr einen halb ertappten, halb belustigten grauen Blick von der Seite zu. Dieses Gesicht kennt sie, deutlicher noch als das Schulterzucken oder das Bauchvorstrecken nach dem Schlafen erinnert es sie an etwas, nur fällt ihr ums Verrecken nicht ein, was es sein könnte. Irgendwann gewöhnt sie sich ab, ihn am Kauen zu hindern, nur um dieses Gesicht nicht mehr zu sehen und sich nicht wundzudenken daran, woher sie es kennen müsste; die Erinnerung ohne Namen macht sie traurig. Er bemerkt es nach einiger Zeit, als sie die Augen öffnet, sieht sie sein Gesicht direkt vor ihrem. „He“ sagt er, drückt mit dem Finger auf ihre Nase, „He!“ und wendet sich sofort wieder ab, zieht unzufrieden die Schultern hoch, für eine halbe Stunde lässt er seine Finger in Ruhe und vergräbt die Hände in den Taschen. Erst zum Rauchen lässt sich die rechte wieder hervorlocken, die mit den harten Fingerkuppen und den breiten Fingergelenken die Zigarette so souverän hält, die Fingernägel schwarz vor Dreck, Ameisen, Dachpappe, und zwischen den Ansätzen der Finger, wo die Schwimmhäute sein müssten, immer noch violette Schatten und etwas zu trockene Haut, ob es nur Schmutz ist oder schon Mangelernährung, könnte wahrscheinlich nicht mal mehr er sagen.

Ausnahmsweise ist die Nacht wolkig und kühler als gewöhnlich. Es gibt keine Sterne zu sehen, weniger als sowieso unter der Lichtglocke der Stadt.
„Scheißtag heute.“ sagt sie, noch während sie sich neben ihm an der Innenhofmauer herunterrutschen lässt, versenkt er seine Hände in ihre Jackentaschen und sucht nach der Zigarettenschachtel. „Ist nur noch eine drin.“ sagt sie, er zuckt die Schultern. „Jetzt ist er ja rum.“ sagt er.
Sie rauchen die letzte Zigarette gemeinsam und müssen sie hin und her geben. Sie nimmt die letzten Züge, während er in der Schachtel herumfingert. „Das war die letzte, hab ich doch vorhin gesagt.“ sagt sie. Er beugt sich kommentarlos zu ihr herüber und küsst sie, als wollte er ihr den letzten Zug abnehmen. Er schmeckt nach Rauch und Zähnen, und sie küssen sich für eine absurd lange Zeit, während der keine Geräusche von der Autobahnbrücke zu hören sind, niemand traut sich über die Brücke, solange die beiden sich küssen.

Am nächsten Vormittag schläft sie im Seminar ein. „Du arbeitest zuviel.“ schimpft ihre Kollegin und schüttelt den Kopf, sie schickt sie weg, einen Kaffee zu holen und sich an die frische Luft zu setzen.
Auf dem Dach sitzt er nicht an der Innenhofmauer. Sie läuft etwas planlos zwischen den Wassertanks und den Schornsteinen herum, immer weiter von der Feuerleiter weg, auf der sie jedesmal hinaufsteigt. Irgendwann stapft sie über einen Gebäudeteil, den sie noch nie betreten hat; auf einem kleinen Seitendach findet sie ihn schlafend in einer Ecke zusammengerollt. Mit dem Plastikbecher voll Kaffee in der linken Hand steht sie eine Weile neben ihm, bis sie ihn mit dem Fuß anstupst. Er ruckt und zuckt zweimal, sie hockt sich neben ihn und stupst ihn ein zweites mal vorsichtiger in die Seite.
„Hng!“ sagt er und rutscht auf den Kieseln in eine andere Position, dann scheint er zu begreifen, dass ihn jemand angefasst hat, mit einem mal ist er hellwach und hockt auf seinen Füßen, er starrt sie eine Sekunde lang entsetzt an, ohne sie zu erkennen. Sie blinzeln sich zweimal an, dann seufzt er und lässt seinen Kopf gegen ihren sinken. „Ich werd langsam paranoid.“ sagt er, „gestern hätten sie mich zweimal fast erwischt.“
Sie teilen sich den Kaffee, an dieser ungewohnten Stelle an die Mauer gelehnt, zum ersten Mal denkt sie darüber nach, wie lange sie noch in diesem Labor bleiben wird, wie lange er auf diesem Dach bleiben kann; wie viele Wochen ihnen bleiben, bis das Dach auch im Schatten zu heiß wird und ob sein Husten vielleicht nicht von den Zigaretten kommt und von den Nächten im Freien, sondern vom Kieselstaub und von etwas, das in den Kühlwassertanks wächst.

Immer riecht er nach altem Zigarettenrauch, auch nach frischer Luft und nach dem Plastikwasser, das er trinkt, was zu dem Eindruck beiträgt, in einen Wasserstrudel wie den einer auslaufenden Badewanne geraten zu sein, wenn sie ihn küsst und jedes mal eine Rippe mehr an ihm entdeckt, zu der ihr noch nichts eingefallen war.
Erstaunlich ist, dass sich kein Ekel einstellen will vor seinen schwarzen Nägeln und den schorfigen Stellen zwischen den Fingern, auch kein Misstrauen gegenüber einer winzig kleinen unschuldigen Geste, für die sie ihn eines Tages hassen könnte. Wenn sie wieder vom Dach gestiegen ist, um weiter zu arbeiten oder nach Hause zu fahren, fühlen sich alle Oberflächen an wie er, zu Anfang ist sie entsetzt, seine Haut auf Lichtschaltern in dunklen Räumen zu spüren, auf Kugelschreibern und Busfahrkarten. Recht schnell begreift sie allerdings, dass es nicht die Schuld der Dinge ist; ihr sind unsichtbare Handschuhe gewachsen, durch die sie außer ihm selbst nur noch grobe Umrisse wahrnimmt.
Das einzige, an das sie sich in der ganzen Zeit nicht gewöhnen kann, ist das Essen; durch seine Haut zu beißen, etwas zu zerkauen, das sich wie sein Arm anfühlt, verdirbt ihr sofort den Hunger, so dass sie am liebsten weiche Dinge isst und die am liebsten nicht zu oft.

Irgendwann bleibt sie die erste Nacht bei ihm auf dem Dach. Es ist schon so warm, dass sie sich von den Rohren fernhalten, durch die Heizungswasser läuft und unter denen er bis vor zwei Wochen geschlafen hat, jetzt liegen sie einfach umeinandergewickelt in einer Ecke hinter einem Schornstein und schlafen, bis das erste Licht sie weckt. Frühmorgens kriecht sie zerzaust wieder ins Labor, wenn außer einer frühen Putzfrau niemand da ist. In der Toilette wäscht sie sich das Gesicht und bringt ihre Haare halbwegs in Ordnung, als die ersten Kollegen ankommen, hat sie mit Kaffee aus dem Automaten gefrühstückt und sitzt schon seit anderthalb Stunden an der Arbeit.
Sie bleibt nicht jede Nacht auf dem Dach, nicht zu Anfang, aber schon nach einer Woche pendelt sich ein regelmäßiger Rhythmus ein, alle drei Tage schläft sie dort, bringt schon vorher frische Kleider und eine Zahnbürste mit, so dass sie am nächsten Tag nicht zu krank und strubbelig aussieht und den Verdacht der anderen auf sich ziehen könnte.

Plastikkanister mit bunter Flüssigkeit stehen auf dem Dach, irgendwann hat sie jemand hingestellt und niemand holt sie ab. Es wird etwas sein, das in der Sonne zerfällt oder etwas, das nur für teures Geld abgeholt werden kann; solche Dinge werden so lange auf dem Dach stehen gelassen, bis niemand sich mehr erinnern kann, was es einmal war, und ein Hausmeister die Kanister grummelnd in eine Regenrinne ausleert; irgendetwas wird es schon sein, denkt sie, und dann, was solls.
Er meidet die Stelle, nicht, weil er vermutet, dass die Kanister ungesund für ihn sind, dass etwas, das von tiefrot zu leuchtend gelb wechselt und Flocken wirft, sich auch aus einem Plastikkanister heraus an die Luft schleichen könnte, sondern einfach, weil er dort Menschen vermutet. Irgendjemand hat sie hingestellt, also wird sie jemand wiederkommen, um neue hinzustellen oder alte herunterzuholen.

Inzwischen verbringt sie beinahe jede Nacht bei ihm auf dem Dach.

„Das müssen deine sein.“ sagt er, er glaubt selber nicht daran, und schaut bekümmert die zerquetschte kleine Laus zwischen seinen Fingernägeln an. „Wer fingert hier denn ständig an den Dreckstauben rum?“ fragt sie, inzwischen ist sie wütend, weil sich die ersten der kleinen Tiere in ihr Haar gesetzt haben und eine langwierige Kur nicht lohnt, wenn sie ihn doch jeden Tag wieder besucht und er die Finger nicht von den Tauben lassen wird. Von dem Brot, dass sie inzwischen manchmal hinaufbringen kann, verfüttert er die Hälfte an die Tauben, in der Hoffnung, einmal eine fangen zu können; wenn er eine erwischt und umbringt, ist sie innen voller Würmer, so dass selbst er sie nicht essen mag.
Sie schneidet ihre langen Haare ab, um die Läuse loszuwerden. Den erstaunten Kollegen erklärt sie, es wäre praktischer, weil sie jetzt so viel arbeiten müsse, dass sie keine Zeit mehr für Friseure und Haarpflege-Orgien am Morgen hätte. In den letzten zwei Wochen bleibt sie beinahe jede Nacht oben auf dem Dach, bleibt einmal einen ganzen Samstag und einen Sonntag dort, ohne nach unten zu gehen; am Montag sitzt sie mit glühendem Gesicht und Augenringen schon um sechs Uhr früh auf ihrem Platz.

„Wieso muss ich eigentlich mit?“ fragt er irgendwann.
Zum ersten Mal streiten sie sich ernstlich, obwohl heute keine Zeit dafür ist. Dass man so verbohrt sein kann und nicht mitkommen mag, will ihr nicht in den Kopf, auch wenn sie sich Zeit gelassen haben und nie darüber gesprochen haben, was nach ihrem letzten Arbeitstag passieren wird; jetzt ist ihr letzter Arbeitstag plötzlich heute, und er möchte wissen, warum er mitmuss.
Zum fünften Mal wiederholt sie, dass sie kein Essen mehr nach oben bringen kann, wenn sie in einer anderen Stadt lebt; dass sein Husten immer lauter wird und die Flecken zwischen den Fingern immer dunkler, dass das Dach in wenigen Wochen zu heiß sein wird, um es dort auch im Schatten der Mauer auszuhalten, dass sie ihn außerdem nicht mehr besuchen und nicht mehr sehen wird – zu jedem ihrer Gründe fallen ihm Ideen ein, so dass er nicht heruntersteigen muss und sich trotzdem nichts ändern wird.
„Es ist doch eh nur eine Frage der Zeit, bis dich hier oben jemand findet.“ sagt sie, er antwortet nicht und beißt auf seinen Fingerkuppen herum. „Meinst du wirklich, dass es so schnell heiß wird?“ fragt er, sie muss sich zusammenreißen, um ihn nicht zu schlagen; jetzt, wo sie ihn überzeugen will, gesteht sie sich plötzlich selbst ein, wie blass er aussieht, wie viel mehr er in den letzten Wochen noch abgemagert ist und dass er immer deutlicher nach Plastik schmeckt.
Für eine Weile sagen beide nichts. Er lehnt sich an die Mauer zum Innenhof und blinzelt langsam in den hohen Himmel, der hart und blau aussieht und wirklich in ein paar Wochen zu heiß werden wird. „Warum soll ich jetzt auf einmal mit runter?“ fragt er, genau wie vor einer Stunde schon. „Damit du mir nicht wegstirbst.“ sagt sie, und er seufzt resigniert, er kann sie nicht anschauen, als er sagt „aber nicht bei Tageslicht.“

Sie verspricht, ihn nach der Verabschiedung abzuholen, dann klettert sie wieder ins Obergeschoss und ruft alle ihre Kollegen an, für die sie Kuchen mitgebracht hat und Wein, sie erinnert sich nicht, diese Dinge besorgt und vorbereitet zu haben, aber erstaunlicherweise erlebt sie eine echte Verabschiedungsfeier, alle sagen zur richtigen Zeit die richtigen Sätze, auch sie selbst, erleichtert überlässt sie sich den Kollegen, die dafür sorgen, dass alles in normalen Gesten zu Ende geht, und am Ende läuft sie winkend mit einer Kuchenform unter dem Arm und einem Blumenstrauß in der Hand aus dem Gebäude zum Bus.

Zwei Stationen später steigt sie aus. Den Blumenstrauß und die Kuchenform stopft sie in einen Müllcontainer, in einer kleinen Querstraße läuft sie zurück zum Institut, wartet bis zu der Stunde, in der die meisten Kollegen das Gebäude verlassen haben; dann umrundet sie es einmal schnell, immer nahe an der Mauer bleibend, damit Nachzügler sie nicht aus den Fenstern heraus sehen können, und steigt im Innenhof alle Feuerleitern hinauf, bis sie im Dämmerlicht auf dem Dach ankommt.

„Wenn du so weiß im Gesicht bist, wird dich in der Nacht jeder sehen.“ sagt sie, er schickt nur den schiefsten Blick herüber, der im Dunkeln noch sichtbar ist, und sagt „haha.“
Die Feuertreppe quietscht in der nächtlichen Stille, als sie beide langsam und vorsichtig hinuntersteigen. Auf jeder Stufe bleibt er stehen, misstrauisch den Kopf wendend, diesmal ohne zu schnuppern, dass das nicht helfen würde, hat er eingesehen.
Auf dem letzten Absatz will er nicht mehr, er bibbert und bockt, jetzt möchte er wieder hoch aufs Dach. Im warmen Nachtwind führen sie zischelige Diskussionen, während der er sich am Treppengeländer festhält, dass sie im Licht der Laternen seine weißen Fingerknöchel sieht. Die Nachtwächter sitzen in der hellerleuchteten Pförtnerloge und trinken Kaffee zu ihrer Fußballzeitung, als sie die Geduld verliert, sie zieht ihn am Oberarm, so dass er überrascht für einen Moment das Geländer loslässt und mit ihrem Schwung die letzten Stufen herunterstolpert. Als sie mit beiden Füßen auf den Platten des Innenhofes stehen, scheint er es begriffen zu haben, er sperrt sich nicht mehr, weiterzulaufen, nur seine Hände zittern, und er setzt seine Beine schlenkerig und wie ferngesteuert auf den Boden. Sie nimmt ihn an der Hand, gemeinsam gehen sie um die Hofecke in die Einfahrt und treten aus dem Schatten des Gebäudes auf die Straße.
Der Nachtwind ist wärmer als oben auf dem Dach. Arm in Arm laufen sie vor dem Institut über den breiten Bürgersteig, an der schlafenden Tagbushaltestelle vorbei; zum ersten Mal laufen sie Arm in Arm, befangen und stolz zugleich wie alle Pärchen beim ersten gemeinsamen Auftritt in der Öffentlichkeit, auch wenn zu dieser Uhrzeit keine Menschen unterwegs sind, nicht hier am Stadtrand, wo niemand wohnt und morgen niemand arbeiten wird. Nicht einmal die Nachtwächter sehen, wie sie so ungelenk vom Bordstein auf die Straße treten, dass sie sich bei dem großen Schritt die Schultern und Oberarme aneinander blau stoßen. Auf keinen Fall würden sie sich deswegen loslassen, vielleicht heimlich neue Winkel für die Knochen suchen, und der Laster kommt zu völlig absurder Stunde aus der Unterführung emporgeschossen, überrollt sie beide, setzt zurück, überfährt sie sorgfältig ein zweites Mal, und versinkt in der nächsten Unterführung.

Von Gribulek am 16.11.2004