Schlomo Schabau
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Schlomo Schabau hatte keine Eltern. Naja. Natürlich hatte er Eltern, aber er kannte sie nicht.
Rachel und Horst Schabau trieben, in einen von blinden Indianerkindern handgeknüpften Perserteppich eingeschnürt, auf einem stinkenden Fluss durch den indischen Urwald. Und das schon seit einigen Tagen. Doch sie hatten Glück: Ein Süßwasserhai zerbiss die Schnur, die das Perserbündel zusammenhielt entzwei. Leider wurde er daraufhin vom auseinanderschnellenden Teppich erschlagen. Rachel und Horst fühlten sich dafür später etwas schuldig. Doch zunächst waren sie froh und geblendet vom seit mehreren Tagen verschwunden geglaubten Tageslicht, das sie nun mit voller Wucht erwischte. Der Teppich war inzwischen so sehr mit Exkrementen des jungen Paars durchtränkt, dass er ein zwar flexibles, aber wasserdichtes und damit recht passables Floß abgab.
Sie waren frei. Sofort stillten sie ihren Durst am brackigen schwarzen Wasser des trägen Flusses. Den toten Hai zerrten sie aufs Floß und aßen ihn sofort auf. Jetzt hieß es nur noch herauszufinden, wo sie waren und vor allem, wie sie wieder nach Hause konnten. Man musste sie bereits vermissen. Doch wie sie ihre behäbige Bekanntschaft kannten, würden sie nicht mehr unternehmen, als sich zu wundern, es war also Eigeninitiative gefragt.
Aus der Wirbelsäule und dem Schädel des verzehrten Hais bauten sie sich in traditioneller Geschicklichkeit ein Ruder, mit dem sie sich an das Ufer des ekligen Flusses navigieren konnten. Rachel entpuppte sich als begabte Seefahrerin. Sie nahmen sich vor, wenn wieder zu Hause, bald einen Segelschein zu machen.
Doch zunächst mussten sie ihre völlig verklebten Kleider loswerden und aus Blattwerk neue schneidern. Wieder zeigte sich das Skelett des Hais als ergiebiger Werkzeuglieferant und Rachel unentdeckte Talente. Innerhalb kurzer Zeit nähte sie ein zweckmäßiges Dschungeloutfit aus dem kargen Rohstoffangebot des Landungsplatzes. Den Teppich konnten sie vergessen.
Es schien ihnen am sinnvollsten, mit den Resten des Hais weiter am Fluss entlang zu wandern, bis er irgendwann ins Meer oder zumindest einen See mündete. Dort müsste es auch Menschen geben. Horst ging voran, um mit dem Unterkiefer des Hais eine Bresche in den dichten Urwald zu schlagen. Sie kamen nur langsam voran, der aufgegebene Teppich hatte sie längst überholt und war schon unerreichbar. Nun gab es kein zurück mehr.
Horst taugte als Führer einen Dreck. Nach mehreren Tagen, in denen sie sich nur von Früchten, Insekten und Flusswasser ernährten, lagen die Nerven blank. Der Fluss schlängelte sich weiter durch dichten Urwald und die vielen Geräusche von Tieren unbekannten Ausmaßes machten ihn rasend. Seit Stunden schon hatten sie kein Wort mehr gesprochen, es lag eine ungewohnte Spannung zwischen den beiden, die die Kommunikation auf ein Minimum beschränkte. Das einzige, was sie spürten, war der Schweiß und Schlamm auf ihrer Haut, die herabhängenden Blätter und Äste und immer und immer mehr Insekten. Vom verliebt sein der ersten Monate waren sie tausende Kilometer entfernt.
Beim Nachtlager kommt es zum Eklat. Rachel wirft Horst Ungeschicklichkeit im Umgang mit dem Unterkiefer vor. Horst fühlt sich minderwertig und erschlägt Rachel geschickt mit der improvisierten Machete. Schwer atmend steht er über ihr und wird sich erst langsam seiner Tat bewusst.
Er hatte sie geliebt, aber er war zu schwach die Liebe im Dschungel aufrecht zu erhalten. Er musste jetzt nicht nur im Dschungel ohne sie auskommen, sondern auch für den Rest seines Lebens.
Er brach sofort auf und ging landeinwärts. Ohne Unterkiefer und ohne Rippen. Beim gehen riss er sich sein Dschungel-Outfit vom Leib und torkelte durch den dunklen Wald. Nackt und wie besinnungslos schwebte er weiter weg vom Nachtlager. Er wusste nicht mehr wie lange er auf diese Weise die Tiere erschreckte. Erst als er vor den nächtlichen Umrissen eines Hauses stand, wachte er wieder auf.
Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Realität, und er glaubte ein heruntergekommenes Haus zu entdeckt zu haben. Die Tür stand auf. Er trat ein und bemerkte schnell, dass hier ganz schön was losgewesen sein muss. Die Einrichtung lag zerstört auf dem Boden herum, in manchen Räumen lagen entstellte Tote. Auf einmal ward ihm das Geschrei eines Kindes gewahr, eines, dem Schreien nach, sehr kleinen Kindes. Und tatsächlich entdeckte er in einem Zimmer auf dem Tisch einen nackten Säugling, der schrie. Nackt, wie Horst selber lag er verzweifelt mitten im Unrat eines vergangenen Kampfes. Er wickelte das Kind in einen abgerissenen Vorhang und verließ eilends das Haus. Ihm war sofort klar, was passiert war:
In dem Moment, als er Rachel erschlug wurde ihre unsterbliche Seele in diesem kleinen Kind wiedergeboren und Horsts eigener noch verliebter Geist hatte ihn hierher geführt. Es gab keine andere Erklärung. Er begriff, was ihm gesagt wurde und er war dankbar für seine zweite Chance. Aus Liebe zu Rachel nannte er das Kind Schlomo.
Diese Geschichte hatte Schlomo immer gehört, wenn er seinen Adoptivvater fragte, wer seine richtigen Eltern seien. Schlomo war sehr stolz auf diese Herkunft, er fühlte sich als Himmelsbote. Schon in der Grundschule versuchte er daher Kinder, die von Schaukeln fielen zu heilen. Er legte ihnen die Hand auf die Stirn murmelte Worte, die er für magisch hielt. Meistens wurde er daraufhin von anderen Kindern verhauen. Das machte ihm wenig, denn er wusste, woher er kam: Aus Himmel-Gartenstadt.
Es machte ihm deshalb auch nicht viel aus, dass er kaum Freunde hatte. Sein bester Freund war ein einäugiges Mädchen. Heike. Er sah es als seine größte Herausforderung, ihr das Auge wiederzugeben. Sie ließ ihn gewähren, denn sie hatte ihrerseits keine Freunde. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, in der Schlomo verschiedene Techniken, die ihm im Traum erschienen, ausprobierte, doch es gelang ihm nicht, Heike zu heilen. Da Schlomo häufig von seinen Mitschülern verhauen wurde, heilte er sich auch selbst. Ohne seine Kräfte hätte so manche Wunde nie aufgehört zu bluten und er wäre daran gestorben. Diese Beobachtung gab ihm Kraft und Geduld, neue Methoden an Heike auszuprobieren.
Eines Tages wurde Heike bei einem Verkehrsunfall getötet, weil sie die Entfernung eines heranrasenden Fahrzeugs der Müllabfuhr nicht richtig einschätzen konnte. Schlomo fühlte sich schuldig, weil er Heike nicht rechtzeitig hatte heilen können, obwohl er die Gabe vom Himmel hatte. In den nächsten Tagen lag er häufig nachts wach und dachte an Heike. Er fühlte sich nach nichts. Er erinnerte sich an die Geschichte seines Adoptivvaters und wusste, dass Heike nun irgendwo wiedergeboren worden ist, aber er wusste nicht wo. Zu wissen, dass das Leben nie vorbei ist, sondern woanders weitergeht, beruhigte ein bisschen, wenngleich ihm Heike fehlte.
Kurze Zeit später bekam Schlomo von Horst ein imaginäres Äffchen geschenkt. Da es nicht sprechen konnte, gab Schlomo ihm keinen Namen, aber es war immer bei ihm. Es war ihm kleiner Trost.
Viele Monate nach Heikes Tod erfuhr Schlomo, dass sein Adoptivvater an einer unheilbaren Krankheit litt, und dass Horst nur noch wenige Wochen blieben. Schlomo traute sich nicht, ihn zu heilen, er hatte all sein Selbstbewusstsein verloren. Lediglich sein imaginäres Äffchen war ihm geblieben.
An dem Tag, an dem sich Horst anschickte zu sterben, saß Schlomo lange schweigend neben seinem Adoptivvater, der schwitzend ins Leere starrte. Schlomo wusste nichts zu sagen. die letzten Monate hatte er damit verbracht, sein Zimmer anzugucken. Er wusste, dass etwas passieren wird, dass nämlich Horst sterben wird, egal, was er tat oder versuchte. Der Himmel gibt und der Himmel nimmt, dachte sich Schlomo, und das imaginäre Äffchen nickte weise. Er dachte an Heike und an seine Misserfolge, dann an Horst und seine Abenteuer, und bedauerte, dass er ihm kein Ersatz für Rachel hatte sein können, auch wenn sie ihn ihm lebte.
Er fasste sich ein Herz und schritt an das Sterbebett von Horst, das imaginäre Äffchen auf der Schulter. Schlomo nahm all seinen Mut zusammen und legte seine Hand auf Horsts Bauch. Er schloss die Augen und dachte ganz fest an eine Blumenwiese.
“Schlomo” hörte er dann Horsts zerbrechliche Stimme. Er öffnete die Augen und sah, dass sein Vater ihn anschaute und mit ihm sprach. “Schlomo. Vergiss das mit den Heilkräften.”
“Aber ich komme doch vom Himmel!”
“Das ist Quatsch. Du bist mein ganz normaler Sohn. Deine Mutter starb während der Geburt. Bei der Taufe war ich total besoffen, und um dir nachher diesen bescheuerten Namen schmackhaft zu machen, hab ich diese dämliche Urwald-Geschichte erfunden. Gut, was?”
Schlomo war sprachlos. Das imaginäre Äffchen schaute betreten beiseite.
Horst starb und Schlomo verließ das Zimmer mit dem Äffchen an der Hand.
“Komm!” sagte es, “lass uns Eis essen!”