Bäcker
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Am Tag nach der großen Trauerkundgebung, während spanische Zeitungen noch im Chor Eta für die Anschläge verantwortlich machen, erfahren wir aus deutschen Nachrichten, dass es im Baskenland Krawalle gegeben hat. Anders als in Madrid sind in Pamplona Steine geflogen und Container ausgebrannt, weil ein Polizist einen Bäcker umgebracht hat.
Der Bäcker hatte sich geweigert, eine Trauerschleife im Fenster seiner Bäckerei aufzuhängen, da hat der Polizist ihn im Streit erschossen.
Wieso klingt es so erschreckend, dass sie ausgerechnet einen Bäcker erschießen? Verdienen Metzger, Gärtner, Lebensmittelhändler, Ärzte oder Taxifahrer es öfter mal, erschossen zu werden? Was für Berufsgruppen findet man sonst noch in baskischen Städten, von denen es einen hätte treffen können?
Warum wollte der Bäcker keine Schleife anbringen? Eigentlich ist es scheißegal, niemand wird von einer Schleife wieder lebendig, schließlich war es seine Entscheidung, was er an seinen Laden hängt und was nicht. Vielleicht war er Eta-Sypathisant. Vielleicht war er einfach angepisst von der ganzen Solidaritätsmaschine, vielleicht war er einfach bockig, was weiß ich schon von Bäckern.
Wie Bäckereien wohl im Baskenland riechen? Wie sie wohl aussehen? In Deutschland sind sie auf Kinderaugenhöhe bunt von ausgehärteten Gummibärchen und sauren Schlangen, aber vor allem braun und gelb von Brot, nur in der Kuchentheke sieht man weiße Sahne und rote Kirschen oder Erdbeeren. Im Baskenland verkaufen sie kein Heidebrot, da bin ich mir sicher, aber trotzdem kann ich mir die Szene nicht ohne den Geruch von Heidebrot und Hefekuchen vorstellen und nicht ohne die glänzenden dunkelbraunen Laibe im Hintergrund.
Wieso klingt Bäcker nach unschuldigem Opfer, viel unschuldiger als alle anderen Berufe?
Vielleicht weil sie so weiß sind. Bäcker sind dick, sie haben rote Gesichter und tragen weiße Kleidung, ihre Hände sind immer mehlbestäubt, sie bollern laut, stampfen hin und her zwischen der Backstube und dem Laden, wo sie abwechselnd mit dem Lehrling schimpfen oder sich von der Bäckersfrau auszanken lassen, beide suchen abwechselnd, wenn der andere sich umdreht, die Zustimmung der Kunden, der Alte spinnt, was ich unter der blöden Kuh zu erdulden habe, die Kunden sind die Nachbarn und geben beiden recht. Vor dem Laden tratschen sie über die Ehe der Bäckersleute, im Laden können sie alles andere aus dem Dorf oder aus der Straße erfahren. Jeder muss zum Bäcker, schließlich brauchen alle Brot, jeden Tag, seit es keine Dorfbrunnen mehr gibt, sind die Bäcker vielleicht noch wichtiger geworden, und schon die Kinder bekommen hier ihre Aufkleber aus den Schokoladenpackungen, die sie mit anderen Kindern auf dem Heimweg von der Schule tauschen, bevor sie das Tratschen lernen.
Bäcker sind nicht wirklich unschuldig, nicht unschuldiger als andere. Vielleicht schockiert der Mord an einem Bäcker so, weil sie mehr als alle anderen zum Alltag gehören, weil alle jeden Tag in die Bäckerei gehen. Weil niemandem etwas Böses zu Brot oder Kuchen einfällt. Metzger sind grausam, Gärtner versoffen, Händler betrügen, Handwerker kommen mit ihren schmutzigen breiten Händen direkt in die Wohnung zu den allein gelassenen Hausfrauen.
Anders die Bäcker, die stehen schrecklich früh auf und arbeiten hart, damit wir unsere Frühstücksbrötchen bekommen. Sie haben keine Hacken und keine Sägen, auch rechnen sie nicht zu viel, sie werden uns nicht zu weit über den Tisch ziehen und halten sich auf gar keinen Fall für etwas besseres. Bäcker sind ungefährlich.
Bäcker sollten nicht erschossen werden. Bäcker müssen altern, immer dicker und cholerischer werden, beim Treppensteigen immer mehr japsen, bis sie schließlich einem Herzinfarkt erliegen. Oder sie müssen den jungen Bäcker tyrannisieren, der den Laden übernimmt. Alte Bäcker werden gebraucht, um ihren Nachfolgern auf die Nerven zu gehen, sich wieder mit der Bäckersfrau zu vertragen, auf einer Bank in der Sonne zu sitzen, japsend nach dem langen Spaziergang, auch, um plötzlich und unerwartet zu sterben, damit sich in der Woche darauf alle Kunden in der Bäckerei recht geben können: Das war ja klar, dass der es nicht mehr lange macht. So wie der gejapst hat.
Die Szene erscheint mir unvorstellbar, aber manchmal kommt sie ungefragt an und stellt sich mir vor. Manchmal kann ich das Heidebrot gegen helle spanische Brote austauschen, aber immer sieht es aus wie in der hessischen Bäckerei meiner Kindheit. Der Bäcker und der Polizist streiten sich auf spanisch, nicht auf baskisch, soweit reicht meine Vorstellungskraft nicht. Sie streiten sich lauter und schneller als in Deutschland, wie ich es in spanischen Bäckereien erwarten würde, wütend zeigt der Polizist auf die Scheibe, vielleicht wedelt er sogar mit einer schwarzen Schleife, die er umsichtig mitgebracht hat, wie besoffen von seiner Aufgabe, die Solidarität des Dorfes mit Madrid durchzusetzen, wollen wir doch mal sehen, wem es hier nicht leid genug tut. Der Bäcker brüllt auch, aber eher aus Empörung darüber, dass jemand ihm in seinem Laden erzählt, was er zu tun und zu lassen hat, beide spucken beim Sprechen, irgendwann rempeln sie sich an, vielleicht fassen sie sich am Kragen und schütteln sich wie in Slapstickfilmen. Der Bäcker ist auf jeden Fall viel dicker als der Polizist, der Polizist ist ein dünner vertrockneter Typ, Louis de Funes auf spanisch. Wenn ich besonders ergriffen bin, ist es kein Polizist, sondern ein Guardia Civil mit seinem lächerlichen Metallhut, dann sieht es noch absurder aus. Irgendwann schubst der Bäcker den Polizisten aus der Ladentür, oder er haut auf die Theke, der Polizist hat schon seine Waffe entsichert, aber der Bäcker glaubt nicht an die Bedrohung durch dieses Hutzelmännchen, und der erboste Polizist schießt, oder ein Schuss löst sich bei einer Rempelei, und der Bäcker schaut verdutzt und geht zu Boden wie ein Westernheld. Immer sehe ich die Kugel in Zeitlupe in seinen Brustkorb eintreten und aus dem Rücken wieder herausfliegen, nur wenige Tropfen Blut fliegen hinterher, dann schlägt die Kugel in einen Mehlsack, der aufreißt und alles weiß einstaubt, so dass das Blut auf den weißen Boden zu rinnen beginnt. Manchmal, wenn ich sehr müde bin, ist der Bäcker selber der Mehlsack, und wenn der Polizist ihn erschießt, staubt alles weiß und die Bäckersfrau öffnet ihren Mund, aber ihr Schreien hört man nicht, weil der Ton an dieser Stelle immer abgedreht wird.
Ob jetzt eine Schleife an der Bäckerei hängt? Ist es eine andere als die an den anderen Läden, und wie kann man die Schleifen voneinander unterscheiden?