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Fu ruft au » Aale

Aale


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Im linken Waschbecken stapeln sich dreckige Teller, zwei Frühstücksteller, ein breiter Teller mit Tomatensauce, eine tiefe Suppenschüssel, eine Schüssel mit Müsli, zweimal Messer, einmal Messer und Gabel mit Tomatensauce, zweimal kleine Löffel, das Becken ist bis obenhin voll. Die schmutzigen Weingläser und Tassen stehen auf dem Trockengitter.
Im rechten Waschbecken schwimmt ein Aal.
Ich gieße mir Orangensaft in die letzte saubere Kaffeetasse und laufe auf Socken zurück ins Wohnzimmer.
Becker ist nervös, er sitzt mit zusammengezogenen Knien auf dem Sofa und tippelt mit den Füßen, ungeduldig, dabei hat er die halbe Weinflasche schon alleine getrunken, am helllichten Tag, die zwei Minuten, die ich in der Küche verbringe, wird er doch aushalten? “Kannst du Türen auch NICHT knallen?” fragt er, schüttet sich noch einen Wein ein, dass er mal nicht danebenschüttet, so aufgebracht, wie er ist, dabei bin ich doch noch keine zehn Minuten hier. Ich verlasse das Zimmer noch einmal, ziehe die Tür sanft hinter mir zu, drehe mich um, öffne sie leise wieder und ziehe sie wieder zu, das Schloss klickt wohlerzogen. “Geht doch” sagt Becker, ich trinke meinen Saft aus. Er gießt mir Weißwein in die Kaffeetasse, ich sage “Geht doch” und setze mich in den Sessel, die Füße auf dem Sofatisch.
Becker hört Eric Clapton unplugged, Clapton und Weißwein schon am Nachmittag lassen vermuten, dass heute sein Tag der inneren Umkehr ist. Ich kenne die Symptome inzwischen und auch das weitere Programm. Später am Tag wird er eine kleine Ansprache halten, woraufhin er sich kurz besser fühlen wird. Zur Belohnung wird er weitertrinken, mir fünf Bücher ausleihen, darauf bestehen, dass ich wenigstens eines noch am gleichen Abend lese, noch mehr trinken, die innere Umkehr anzweifeln, sich selbst leid tun, kurz das Ziel aus den Augen verlieren, wird eine weitere Flasche Wein öffnen, die sein Vater ihm für besondere Anlässe geschenkt hatte, wird seine kleine Ansprache vergessen und überhaupt nichts wird sich ändern. So weit sind wir allerdings noch nicht, noch hat er einfach schlechte Laune, gegen die ausgerechnet ich nicht wirklich etwas unternehmen kann. Es kostet mich schon Mühe genug, die schlechte Laune nicht auszunutzen, sie nicht noch ein bisschen schlimmer zu machen, es wäre so einfach und würde solchen Spaß machen, und hinterher würde er sich sowieso bei mir entschuldigen. Aber so bin ich nicht.
“Warum schwimmt ein Aal in deiner Spüle?”
“Der schwimmt nicht. Der liegt da nur.”
“Ich hab doch gesehen, wie er schwimmt!”
“Das kann überhaupt nicht sein, der ist tot.”
“Vielleicht hat er sich erholt?”
“Quatsch. Der war schon tot.”
“Vielleicht hast du ihn nicht richtig umgebracht?”
“Der war schon tot, nerv mal nicht rum!”
Vielleicht bin ich doch so.
“Wo hast du ihn denn her?”
Becker trinkt sein Weinglas aus, greift nach meiner Tasse, kippt den Inhalt in sein Weinglas, trinkt es noch einmal aus, stellt es etwas zu ungeschickt wieder ab. “Geschenk von Teresa.” sagt er und verschluckt sich.

Teresa ist ein sehr hübsches Mädchen. Ich kann mir vorstellen, wie sie im Morgenlicht einen grünen Abhang herunterkommt, die Sonne schimmert auf ihrer hellen Haut, ihre Haare sind zu zwei dicken blonden Zöpfen geflochten, sie schwingt eine Milchkanne und singt ein fröhliches polnisches Lied, sie trägt ein sehr einfaches kurzes Kleidchen und läuft barfuß durch das Gras und die Butterblumen. Sie lacht den Leuten am Wegrand zu, hübsch und froh, solche Bilder steigen in mir auf, wenn ich sie zufällig auf einem Uniflur treffe.
Teresa ist eine Frau wie Milch, sauber, kerngesund, unschuldig und langweilig, dachte ich immer. Ich hätte ihr nicht zugetraut, ihrem Freund tote Fische in die Spüle zu legen.

Der Aal bewegt sich doch. “Das kommt von den Strömungen im Waschbecken!” sagt Becker, inzwischen wirklich verärgert, dass ich seinen blöden Aal nicht in Frieden lasse. “Was hast du denn für Düsen im Waschbecken, dass da Strömungen drin sind?” frage ich, wir hängen beide mit unseren Gesichtern über der Spüle, das Wasser im rechten Becken stinkt nach Fisch. Der Aal glotzt mit blinden Augen zu mir hoch, spiralt sich immer weiter langsam im Kreis, ich traue dem Biest nicht.
“Warum schenkt dir Teresa einen Aal?”
“Sie hat ihrer Familie zu Hause erzählt, dass sie einen Freund in Deutschland hat. Die haben sich so gefreut, dass sie ihr Essen für mich mitgegeben haben.”
“Das ist doch nett.” sage ich. Gegen Schwiegereltern sollte man nie etwas sagen.
“Das ist unglaublich. Die sind schweinearm, die haben selber kaum genug zu essen, und jetzt schau dir an, was sie mir alles mitgegeben haben.”
Becker holt fünf Gläser eingemachte pockige Gurken aus dem Schrank, drei große Köpfe Kohl, drei Gläser eingemachte Zwiebeln “Kuck hier, Zwiebäln, Gurkän, Kol… Wann soll ich das denn alles essen? Und das beste,” sagt er und greift ganz hinten in den Schrank: “Aale!” Er stellt zwei Gläser mit jeweils zwei Aalen auf den Küchentisch neben das bereits angebrochene, in dem noch der verwitwete Aal schwimmt, alleine in einer gelblichen Brühe. Die Aale in den noch verschlossenen Gläsern kuscheln sich aneinander, unmöglich zu sagen, zu welchem Fisch welcher Körper gehört, die Köpfe tauchen an völlig unwahrscheinlicher Stelle wieder auf und sehen sehr tot aus. Der verwitwete Aal kann sich in dem Glas nicht bewegen, auch er sieht tot aus, als ich das Glas aufschraube, riecht er nach Schleusenschlamm.
“Und was sollst du um Himmels willen mit sechs Aalen anstellen?” frage ich, leicht verwundert, “So ein Tier gehört doch nicht in die Stadt!” Becker zuckt die Schultern, hebt beide Hände und sagt mit polnischer Stimme “Bratän oder kochän!", sieht auf einmal sehr resigniert aus, als ob er verstanden hätte, worauf er sich mit dieser Liebe eingelassen hat, und räumt die Gläser eines nach dem anderen wieder in den Schrank.
Ich puste ins Wasser, um die mysteriösen Strömungen im Waschbecken umzulenken, aber der Aal ist nicht davon beeindruckt. Mit der Flaschenbürste fahre ich unter seinen Bauch, oder unter seinen Rücken, irgendwo unter dieses lange Tier, und hebe ihn aus dem Wasser. Falls er noch lebt und sich bewegt, wird er sich dagegen wehren, dann müssen wir ihn in die Freiheit zurückbringen. Lebendig soll man Aale nicht bratän oder kochän, das wäre Tierquälerei, und Becker kann ihn ja auch nicht wochenlang in der Spüle leben lassen.
Der Aal hat zu lange in seinem Glas gelegen. Auch als ich ihn aus dem Wasser hebe, will er seine Kringelform behalten, ich muss ihn auf der Flaschenbürste balancieren, damit er nicht ins Wasser zurückfällt, bevor ich ihn untersucht habe. Seine Kiemen bewegen sich nicht, beim Anheben aus der Wasseroberfläche sind sie aufgeklappt und sein Kopf sieht jetzt erst recht aus wie ein ungesunder grauer Penis mit Augen. “Wollte dir Teresas Familie vielleicht was anderes damit sagen?” frage ich Becker und halte den Aal noch ein bisschen höher. “Fass diesen Fisch nicht an!” brüllt er und reißt mir die Flaschenbürste aus der Hand. Der Aal fällt ins Wasser und darf sich weiterkringeln.

Becker schlägt noch einen Haken, Lebensmittel würde man nicht mit Spülbürsten anfassen, dann muss er selber einsehen, was für einen Quatsch er da erzählt. Er entschuldigt sich, ausnahmsweise meint er es sogar ernst. “Lass uns rübergehen, was lernen und was anständiges trinken” sagt er und schiebt mich aus der Küche, eine Hand zwischen meinen Schulterblättern, offensichtlich will er den Aal und mich immer noch nicht allein lassen.
Im Flur dreht er mich plötzlich zu sich hin und legt mir die Hände auf die Schultern. “Gribulek” sagt er, mit auf einmal sehr rauer Stimme, diese Gesten sind einfach zu groß für ihn und sitzen noch zu locker, “Gribulek, das muss aufhören.”
“Was genau? Dass ich die Geschenke deiner Süßen anfasse oder dass du mich dafür so anmachst?”
“Diese ganze Sache muss aufhören. Tut mir leid, dass ich vorhin so scheiße war, aber ich halt das nicht mehr aus.”
” Das sagst du immer.”
“Das weiß ich. Aber diesmal meine ich es ernst.”
“Viel Erfolg damit.”
“Danke.” sagt Becker, ein bisschen erleichtert und ziemlich enttäuscht von der ausbleibenden Szene, die ich ihm nie mache. Er sieht kurz wirklich bekümmert aus, ich spreche ihn ein paar Mal mit Vornamen an und hoffe, dass er hören kann, wie gut ich es trotz allem mit ihm meine.

Der Chinese vom Bringdienst ist wahrscheinlich kein Chinese. Wahrscheinlich ist er ein Vietnamese oder Thailänder, noch wahrscheinlicher scheint mir, dass er ein unausgereiftes Konversationsprogramm ist. “Das klingt interessant. Erzähle mir mehr über Kantonente!” flüstere ich Becker ins Ohr, der ins Telefon schreit. “Nein! Das ist die Hausnummer. Die Kundennummer ist 589, und essen wollen wir 45 und 48. vier fünf, vier acht… nein, das ist nicht die Telefonnummer!”
Während Becker unser Abendessen erkämpft, befreie ich den Fußboden und den Sofatisch von den herumliegenden Zetteln, das Packpapier mit dem großen, alles zusammenfassenden Schema und den roten und blauen Pfeilen rolle ich zusammen, stapele alles ordentlich auf Beckers Schreibtisch, einen Stapel für ihn und einen für mich, als ob wirklich etwas wichtiges auf den Zetteln stünde, als ob wir etwas von dem behalten hätten, was wir uns dort gegenseitig aufgeregt zu erklären versuchten oder als ob uns die Strichmännchen, die wir in den letzten zwei Stunden gemalt haben, nächste Woche bei der Prüfung helfen würden. Becker legt auf und deutet einen Zusammenbruch vor dem Telefon an. “Die lassen echt jeden Idioten ins Land, und alle alle alle kommen sie und nerven genau mich!” “Nun tu mal nicht so, als ob dir manche von denen nicht gefallen würden.” sage ich. “Außerdem werden sie doch sowieso Ente mit Ananas bringen, egal was du bestellst.” “Das nervt mich außerdem.” “Wir könnten auch Aal mit Gurkän essen.” Becker stützt den Kopf auf die Hände und reibt sich die Augen, als er mich wieder anschaut, sehe ich, dass er genug hat für heute; ich erinnere mich, dass ich es eigentlich gut mit ihm meinte.

Wir haben die Fenster zur Straße geöffnet, weil inzwischen weniger Autos fahren und die Luft draußen langsam abkühlt. Becker gräbt in seiner Bücherkiste, ich sitze auf dem Fensterbrett und schaue zu, wie die Straße immer dunkler und blauer wird. Beckers Vermieterin kommt aus dem Haus und schließt die Tür hinter sich ab. Sie sieht mich im Fenster sitzen, ich winke ihr zu. “Hallo!” ruft sie, wir kennen uns schon, sie blinzelt mir verschwörerisch zu und ich muss lachen. “Wer war das denn da draußen?” fragt Becker. “Deine Vermieterin.” “Sag mal, spinnst du? Was soll die denn von mir denken, wenn die dich hier zum dritten Mal so spät abends im Fenster sitzen sieht, einen Tag, nachdem Teresa da war?” “Dass du dich richtig gut mit deiner Cousine verstehst.” “Wieso Cousine?” “Hab ich ihr gesagt, als sie mich mal im Treppenhaus gefragt hat.” Becker hockt auf den Fußballen vor seiner Bücherkiste und schaut aus seinen tiefen Augenringen zu mir auf dem Fensterbrett, ihm gelingt ein noch resignierterer Blick als vor den polnischen Gurkängläsern. “Ach Herzle,” sagt er und schüttelt traurig den Kopf, “ich kann mich einfach nicht entscheiden, ob ich dich unmöglich finden soll oder dich heiraten muss.” “Cousinen darf man nicht heiraten.” “Solche Cousinen wie dich bestimmt nicht.”

Inzwischen wäre es Zeit für Nachtbusse.
“Und was hat sie dazu gesagt?”
“Sie sagt in solchen Momenten gar nichts dazu. Ich krieg später ne Rechnung.” sagt Becker mit dem schiefen Grinsen, lehnt sich weiter in den Sessel zurück, inzwischen hat er den Mann von Welt wieder gefunden, auch der sitzt ein bisschen zu locker und schlackert in den Schultern, “Am nächsten Tag fragt sie mich “hab ich mein Beautycase bei dir liegengelassen?” und ich sage, “Hä, was fürn Beautycase?” und sie wiegelt sofort ab, “Ach garnix, schon gut.” und schaut so ertappt, dass ich es auf jeden Fall merke.”
“Ein Beautycase?” frage ich, inzwischen auch ein Mann von Welt, die Füße auf dem Sofatisch. Becker schaut ungläubig. “Willst du mich verarschen?” “Nee, was ist denn das?” Von sehr weit unten kriecht Beckers miesestes Grinsen auf sein Gesicht, jetzt glaubt er es mir, “Irgendwie hätte ich es wissen müssen, dass du sowas nicht kennst…” grinst er, schenkt mir noch einen Wein ein und reicht mir das Glas, damit ich als Mann von Welt meine Füße nicht vom Sofatisch nehmen muss.

Wir hören Night and the City, immer wieder, weil es zu spät ist für etwas anderes als Jazz und weil alle anderen Jazzcds in Beckers Regal zu sahnig klingen, zu sehr nach Puffmusik, und wenn es ihm ernst ist, soll es nicht an der Musik scheitern. Becker hat eine Blende aus Leinenstoff an seinen Schreibtisch gebaut, die er in unregelmäßige Rechtecke unterteilt hat, aus den kleineren Rechtecken leuchtet es blau und aus den größeren gelblich in der Farbe des Stoffes. Becker hat einen guten Wein ausgegraben, den sein Vater ihm für die Zeit nach den Prüfungen geschenkt hat. Sein Vater hat das Wohnzimmer mit dem weichen gelben Licht noch nicht gesehen und den geölten Dielenboden nicht gerochen, sonst hätte er geahnt, dass es bessere Anlässe zum Weintrinken gibt als bestandene Prüfungen. Becker sieht zu jung aus für diese unaufgeregte Einrichtung, kurz beunruhigt mich der Gedanke, dass bald die wahren Besitzer der Wohnung oder seine Eltern nach Hause kommen und uns ins Kinderzimmer schicken werden. Nach einem Glas vom guten Vaterwein sind meine Bedenken verschwunden.
Wir hören die CD immer wieder und reden ruhiger, ohne uns auszuschimpfen, manchmal reden wir gar nicht und schauen einfach dem weichen Licht zu.

“Ich träume von dieser Lampe, die genau hier oben hinkommt, wo jetzt diese Kabel hängen. So eine gebogene Form, wie eine Hülse oder ein Insektenrücken, an den Seiten eingeschnitten, dass das Licht durch die Schnitte rauskommt.” Becker zeigt mit wackeliger Hand auf die Stelle an der Decke, an der die Lampe hängen soll. “Das einzige Problem, und dafür brauche ich deinen Rat, ist das Material. Nehm ich Metall? Eher goldenes oder eher silbriges? Hm? Was meinst du?” Die Hand zittert noch ein bisschen zu den Kabeln, weiß nicht so recht wohin, sie landet schließlich doch auf meiner Nase, als er hm sagt. Ich stupse meinen Finger auf seine Nase und sage meinerseits hm. “Ich würde Alublech nehmen, matt, oder so kratzig im Kreis geschliffen. Alu ist auch nicht so schwer, wegen der Schrauben in der Decke.” “Ach Mädle, du bist so scheiße pragmatisch.” seufzt Becker und dreht den Kopf zur Seite, um seine Nase in meinem Bauch zu vergraben. Meine Füße liegen immer noch auf dem Sofatisch, an mein Weinglas komme ich nicht mehr heran, seit Becker mir seine Lampenpläne erklären musste und beim an die Decke zeigen das Gleichgewicht verloren hat, der arme ist hintenübergekippt und mit dem Kopf auf meinem Schoß gelandet. Meine Schuld ist es heute nicht. “Glänzendes Metall sieht billig aus, da haste recht. Aber ich habe eine viel bessere Idee, die beste von allen. Willst dus hören?” “Och, weiß nicht.” “Komm schon, sags mir.” “Was für eine Superidee hast du denn?” “Also meine Superidee, besser als alle vorher, ist, helles leichtes Birkenholz zu nehmen. Und ein Gerippe zu bauen, wie einen Brustkorb oder wie den Bauch eines Schiffes. Und darüber spanne ich weißes grobes Leinen, so wie das Sofa ist oder die Blende am Schreibtisch. Natürlich nicht genau weiß, mehr so off-white.” “Du willst dir einen off-white Brustkorb an die Decke hängen?” “Wenn die Prüfungen vorbei sind. Heute nicht mehr. Aber die Idee ist doch wohl saugeil, oder?” “Wie viele Glühbirnen kommen denn rein?” Becker gähnt. “Hab ich noch nicht drüber nachgedacht. Ist auch egal, weil man sie von außen nicht sieht.”

Seit wir so etwas ähnliches wie befreundet sind, hasse ich Becker immer weniger, immer mehr von seinem Verhalten, das mich früher giftig machte, sehe ich inzwischen milder und habe seine Zuverlässigkeit hinter all den Sticheleien schätzen gelernt. Allerdings hasse ich es nach wie vor, wenn er beim Ficken redet oder gar mich darum bittet, doch auch einmal etwas dazu zu sagen; mir fällt nichts zu sagen ein, und seine aus dem Fernsehen übernommenen Sätze klingen in der trockenen Akustik des Schlafzimmers falsch, so dass ich ihm früher oder später den Mund zuhalten muss. Anders als im Wohnzimmer können wir hier keine alten Filme nachspielen, keinen Mann von Welt und keine Kumpelposen anprobieren. Das Süße stimmt nicht, und das Abgebrühte klingt jämmerlich, wir sehen nie anders aus als alle anderen Spießer, die mit ihren Kollegen schlafen, weil es bequem ist oder weil sonst niemand will, und die sich zur Rechtfertigung spektakulären Sex vorlügen. Ich möchte keine Rechtfertigung, ich will nur genug Krach, dass es schon wieder still wird und ein paar Stunden Pause von der Welt; manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Becker im Stich lasse und ihm nicht helfe bei seiner eigenen kleinen Flucht.

Der Aal dreht sich nicht mehr. Ich gieße ihm ein bisschen Kaffee ins Waschbecken, damit er mal aufwacht. “Das Biest hat mir zugeblinzelt!” beschwere ich mich bei Becker, der sich Milch in seinen Kaffee gießt und mir den Rücken zudreht. “Lass den gottverdammten Aal in Frieden, bitte.” sagt er, morgens immer höflich, “lass uns im Wohnzimmer sitzen.” Ich will aber gar nicht mehr sitzen, ich will meinen Kaffee austrinken und meine nassen Haare lieber auf dem Fahrrad als mit Teresas Föhn trocknen. Becker steht im Flur und weiß nicht wohin mit seiner Kaffeetasse, stellt sie schließlich auf dem Gaszähler ab, jetzt weiß nicht wohin mit seinen Händen. “Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich machen soll.” sagt er und schaut zu Boden. “Ich habs wirklich ernst gemeint.” “Ich weiß,” sage ich, “ich doch auch.", ich glaube ihm, dass er so ehrlich ist, wie er es eben sein kann, heute morgen mal ein müder Junge mit schlechtem Gewissen und kein Mann von Welt; auch wenn der müde Junge schon eine Nummer zu klein für ihn ist und etwas zu eng sitzt, sieht er doch noch richtig liebenswert aus.

Von Gribulek am 14.5.2004